Der folgende Beitrag stammt von Dr. Hans-Reinhard Berger, Physiker und stellv. Vorsitzender im CVJM Sachsen. Er wurde in der Jungen Gemeinde Zeitung (jgz), Ausgabe Dezember 1999 veröffentlicht. Da der Artikel m. E. sehr interessant und die jgz nicht ewig online zu lesen ist, hier die html-Fassung.


Zeitrechnung und Kalender

Laß man die Leserbriefseiten mancher Tageszeitungen in diesem Jahr, so schien es mitunter kein wichtigeres Thema zu geben als die Frage, wann denn nun das neue Jahrtausend begänne: in der Silvesternacht des Jahres 1999 oder des Jahres 2000. Die Katastrophe wäre ja nicht auszudenken, wenn das sorgfältig geplante Millennium-Baby ein Jahr zu früh auf die Welt käme oder der mit vielen tausend Mark bezahlte Ausflug an die Datumsgrenze im Stillen Ozean, um den wirklich allerersten Jahrtausendsonnenaufgang zu erleben, doch nur die Reise zu einem ganz gewöhnlichen Sonnenaufgang wäre! Da hatten es die Menschen zum letzten Jahrtausendwechsel einfacher: Die meisten wußten kaum, in welchem Jahr sie lebten...


Die alten Kalender

Dabei bewegte die Menschen von alters her die Frage der Feststellung bzw. Messung der Zeitläufe. In Gen.1,14 wird auf die Zweckbestimmung der "Lichter an der Feste des Himmels" hingewiesen, daß sie "scheiden sollen Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre".

Die Rotation der Erde, der periodische Wechsel der Mondphasen und der Umlauf der Erde um die Sonne geben den natürlichen Rahmen für eine Festlegung der Zeit. Das Problem dabei ist, daß ein Mondmonat (29,5306 Tage) keine ganze Zahl von Tagen und ein (tropisches) Jahr (365,2422 Tage) keine ganze Anzahl von Monaten enthält. Ein aus 12 Mondmonaten bestehendes Mondjahr enthält 354,3672 Tage und ist somit um ca. 11 Tage kürzer als das uns bekannte, tropische Jahr. Man ist deshalb gezwungen, in regelmäßigen Abständen "Schalttage" (oder auch "Schaltmonate") einzuführen, um den Kalender wieder mit dem tatsächlichen Lauf der Gestirne in Einklang zu bringen.

In Ägypten benutzte man vom 4. Jahrtausend v. Chr. an einen Kalender mit 12 Monaten zu 30 Tagen und fünf Zusatztagen. Je vier Monate bildeten die Flut-, die Saat- und die Ernteperiode in bezug auf die regelmäßig wiederkehrenden Überschwemmungen durch den Nil. Der Beginn der Perioden richtete sich nach dem Aufgang des Sternes Sirius (ägypt.: Sothis). Auf Grund der fehlenden Übereinstimmung mit der tatsächlichen Jahreslänge durchlief der Jahresanfang jedoch innerhalb von 4 x 365 Jahren alle Jahreszeiten (Sothis-Zyklus). Deshalb wurde von Ptolemeus Euergetes im Jahre 238 v. Chr. versucht, aller vier Jahre einen sechsten, zusätzlichen Schalttag einzuführen. Diese Regelung, die die Römer später in ihren Kalender (Julianischen Kalender) übernahmen, erfuhr aber erst ab etwa 26 v. Chr. auf Druck des römischen Kaisers Augustus weitere Verbreitung.

Von den alten Babyloniern ist uns aus der Zeit des Hammurapi (um 1700 v. Chr.) ein Kalender überliefert, der sich auf die Mondphasen und die Sonne (Lunisolarjahr) bezog. Wann immer es notwendig erschien, wurde ein 13. Monat von den Priestern willkürlich als Schaltmonat eingefügt. Diese Schaltung wurde im 3. vorchristlichen Jahrhundert durch einen, dem Metonischen Zyklus des griechischen Kalenders ähnlichen, Schaltrhythmus abgelöst.

Bis um etwa 500 v. Chr. wurde in Griechenland ein Lunisolarjahr mit sehr einfachen Schaltregeln als Kalenderbasis benutzt, ehe dieses von einer Schaltungsregelung, "Oktaeteris" genannt, mit 8-jährigem Zyklus (5 Gemeinjahre zu 12 Monaten und drei Schaltjahre zu 13 Monaten) abgelöst wurde. Bereits 68 Jahre später wurde von Meton der erwähnte Metonische Zyklus gefunden, dessen regelmäßiger 19-Jahres-Zyklus aus 12 Gemeinjahren zu 12 Monaten und 7 Schaltjahren zu 13 Monaten besteht. Von den 235 Monaten hatten 125 "volle Monate" 30 Tage und 110 "hohle Monate" 29 Tage. Der Vorteil dieses Kalenders bestand darin, daß nach 19 Jahren die Neumonde wieder auf die selben Tage des Jahres fallen, weshalb der metonische Zyklus noch heute bei Berechnung des Osterdatums Verwendung findet.

Auch die mittelamerikanischen Kulturen hatten ein hochentwickeltes Kalendersystem, das auf einem Zyklus von 18 Monaten zu je 20 Tagen basierte. Die fünf zusätzlichen Tage wurden als unheilbringend angesehen. Die Mayas kombinierten dieses System mit einem fiktiven Startpunkt des Kalenders, der auf dem 6. 9. 3114 v. Chr. lag. Damit war es möglich, ein historisches Datum exakt anzugeben.


Der Julianische Kalender

Im ursprünglichen römischen Kalender begann das Jahr am 1. 3. und hatte 10 Monate. Aus dieser Zeit stammen auch die Monatsnamen September bis Dezember, da sie im Kalender die 7. ("septus") bis 10. ("decimus") Monate bezeichneten. Damit man etwa im Gleichlauf mit den Jahreszeiten blieb, schaltete man willkürlich Monate ein. Um 46 v. Chr. wurde dieser Kalender von Julius Cäsar reformiert (daher auch der Name "Julianischer Kalender"). Beraten durch den alexandrinischen Gelehrten Sosigenes wurde aus dem ägyptischen Kalender die Schaltung eines Tages in all jenen Jahren, die durch vier teilbar sind, übernommen. Ein Jahr ist demnach durchschnittlich 365,25 Tage lang. Den ersten Tag eines jeden Monats bezeichnete man als "calendae", woher unser Begriff "Kalender" stammt. Die Teilung des Monats in Wochen wurde erst im 4. Jahrhundert n. Chr. unter Kaiser Konstantin I. eingeführt.

Die Zeitrechnung im römischen Kalender bezog sich häufig auf den (fiktiven) Zeitpunkt der Gründung Roms im Jahre 753 v. Chr. ("ab urbe condita", Abkürzung: a.u.c.), manche Herrschaftsgebiete fixierten sich auch auf die Regierungsjahre von Kaisern und anderen Würdenträgern. Mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion wurde die Zählung der Jahre durch eine auf Jesus Christus bezogene ersetzt. Der römische Abt Dionysius Exiguus, der im Auftrag des Papstes Johannes I. Tafeln zur Berechnung des Osterfestes zu erstellen hatte, setzte sich 525 n. Chr. mit seiner Ansicht durch, die Zeitrechnung auf die Geburt Christi (und nicht auf dessen Passion) zu beziehen. Nun kannte Dionysius allerdings den genauen Zeitpunkt der Geburt Jesu nicht, sondern war nur auf Anhaltspunkte aus den Evangelien (Lukas-Evangelium) angewiesen. So glaubte er, das Jahr 247 der Ära des Diokletian mit dem Jahr 531 nach der Geburt Jesu gleichsetzen zu können. (Viele Forscher nehmen heute allerdings an, das Jesus im Jahre 7 v. Chr. geboren wurde.) Das Geburtsjahr Jesu war demnach das Jahr 1 n. Chr., und das Jahr davor war das Jahr 1 v. Chr. Die Zahl Null als mathematische Größe war zu jener Zeit nur in den arabischen Ländern gebräuchlich.


Der jüdische Kalender

Die Zeitrechnung im jüdischen Kalender beginnt im Jahr 3761 v. Chr., in dem nach der Überlieferung die Welt erschaffen worden sein soll. Diese Zählweise wurde endgültig im 10. nachchristlichen Jahrhundert festgelegt. Danach leben wir heute im jüdischen Jahr 5759. Das Jahr besteht aus jeweils 12 Mondmonaten zu 29 bzw. 30 Tagen, wobei die Differenz zwischen diesem Mondjahr und dem Sonnenjahr durch einen relativ komplizierten Schaltzyklus ausgeglichen wird. Man unterscheidet zwischen "mangelhaften", "regelmäßigen" und "überzähligen" Gemeinjahren zu 353, 354 bzw. 355 Tagen und entsprechenden Schaltjahren mit 383, 384 bzw. 385 Tagen. Das Jahr beginnt am Neujahrstag Rosch-ha-Schana im Monat Tischri (September/Oktober). Der Tag (24 Stunden) beginnt um 18 Uhr, der siebte Tag der Woche ist der Sabbat.


Der islamische Kalender

Die Jahreszählung des islamischen Kalenders beginnt mit der Flucht Mohammeds aus Medina (Hedschra) am 15. oder 16. Juli 622 n. Chr. Zeitangaben, die sich darauf beziehen, werden häufig mit dem Zusatz "Anno Hegirae" (Abk. A.H.) gekennzeichnet. Für zivile Zwecke wird ein reiner Mondkalender mit einem Gemeinjahr zu 354 Tagen und 12 Monaten mit abwechselnd 30 und 29 Tagen verwendet. In 30 Jahren treten 11 Schaltjahre zu 355 Tagen auf, bei denen der letzte Monat 30 Tage hat. Der Jahresanfang bewegt sich in 33 Jahren durch alle Jahreszeiten. Für religiöse Zwecke wird der Monatsanfang nicht nach den Regeln des Kalenders, sondern anhand der Beobachtung des Mondes bestimmt.


Der Gregorianische Kalender

Das Jahr des Julianischen Kalenders war mit seiner Länge von 365,25 Tagen um genau 674 Sekunden länger als das tropische Jahr. Dieser Unterschied fiel zunächst nicht weiter auf, doch diese unmerklichen Unterschiede summierten sich im Laufe der nächsten Jahrhunderte immer weiter, so daß im 16. Jahrhundert der kalendarische Frühlingsanfang bereits 10 Tage gegenüber dem tatsächlichen astronomischen (Frühlingspunkt) zurücklag.

Besonders problematisch war diese Situation für die Kirche, da die Termine für die kirchlichen Feste falsch bestimmt wurden. So wurde z. B. der Termin des Osterfestes auf dem Konzil in Nicäa im Jahre 325 auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgelegt. Zwangsläufig fallen dann auch die anderen auf Ostern bezogenen Feste, wie Himmelfahrt und Pfingsten, auf einen "falschen" Tag.

Die überfällige Kalenderreform vollzog Papst Gregor XIII. im Jahre 1582. Um den angewachsenen Fehler von 10 Tagen auszugleichen, ließ man auf Donnerstag, den 4. Oktober 1582 sofort den 15. Oktober folgen. Damit die biblisch begründete Schöpfungsordnung der 7-Tage- Woche nicht unterbrochen wird, war aber der 15. Oktober kein Montag, sondern ein Freitag. Die Schaltregelung des Julianischen Kalenders, wonach alle Jahre, deren Jahreszahlen durch vier teilbar sind, Schaltjahre zu 366 Tagen sind, behielt man bei. Um künftige Abweichungen zum tropischen Jahr möglichst klein zu halten, legte man außerdem fest, daß alle Jahrhunderte, deren Jahreszahlen nicht durch 400 teilbar sind (z. B. 1700, 1800, 1900) keine Schaltjahre sind. Das Jahr 2000 wird demnach Schaltjahr sein. Mit dieser Festlegung ist eine bedeutend bessere Übereinstimmung mit dem tropischen Jahr als im Julianischen Kalender gegeben, allerdings keine vollständige. Die verbleibenden Fehler (ca. 26 Sekunden) wachsen aber erst in 3333 Jahren auf einen Tag an.

Die Regelungen des Gregorianischen Kalenders wurden bis 1585 für die meisten Länder mit römisch-katholischem Glauben eingeführt. 1700 folgten Deutschland und die skandinavischen Länder, Großbritannien stellte 1752 den Kalender um. Am längsten behielten die Länder mit vorzugsweise orthodox gläubiger Bevölkerung den alten Kalender bei: Rußland bis 1918, Griechenland bis 1923 und Rumänien bis 1924.


Heute

Unser heutiger bürgerlicher Kalender ist entsprechend deutscher Exaktheit nach DIN 1355. genormt. Er enthält die Regelungen des Gregorianischen Kalenders mit der Zählung der Jahre "vor Christus" und "nach Christus" (nicht "vor unserer Zeitrechnung" und "nach unserer Zeitrechnung" wie in der DDR) und geht nur in wenigen Punkten über den Gregorianischen Kalender hinaus, in denen dieser keine Aussagen trifft.

Wann geschieht denn nun wirklich der Wechsel des Jahrtausends? Da es kein Jahr Null gab, selbstverständlich in der Silvesternacht des Jahres 2000. Gefeiert wird aber sicherlich der "magische" Wechsel der Jahreszahl von 1999 zu 2000 in diesem Jahr. So herrlich irrational ist der Mensch nun mal. An den Wissenschaftlern, insbesondere den Astronomen, geht der ganze Trubel sowieso vorbei, denn deren Kalender beginnt am 1. Januar 4713 v. Chr., 12.00 Uhr (Julianisches Datum). Der Jahrtausendwechsel findet danach zum Zeitpunkt JD 2.451.544,5 statt.


Auf, laßt uns feiern...


Nachtrag

Mit nüchterner Chronologie kann man immerhin behutsam auf ein meist übersehenes Problem hinweisen: Wer nach Jesu Geburt rechnet, hat die Jahrtausendwende bereits um sieben Jahre verpaßt. Da nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis die - von den Evangelien wohl sehr bewußt nicht genau datierte - Geburt Jesu in den Winter der Jahre 7/6 vor Christus fiel und unser heutiges Kalendersystem auf einen frühmittelalterlichen Rechenfehler zurückgeht, ist das tatsächliche neue "Millennium" längst eingetreten, ohne daß die Welt untergegangen wäre.

Dr. Hans-Reinhard Berger,
Physiker und stellv. Vorsitzender im CVJM Sachsen



Index - Thomas Rühle zu meiner Hauptseite

eMail
Link folgen


Thomas Rühle, 26. Juli 2004